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Die Stimme meines Rasierers

Der innovativste Zweig des Produktdesigns heißt Sounddesign. Technische Geräte knistern, knacken oder brummen - ganz nach den Erwartungen und Vorlieben der Konsumenten.

Jeder kennt das. Der nagelneue Anorak hängt den ganzen Winter unbenutzt im Schrank, weil er bei jeder Bewegung unangenehm knirscht. Beim Kauf des neuen Autos fällt die Entscheidung nach Abwägung aller technischen Daten am Ende irrational - ein bestimmtes Modell überzeugt einfach durch den umwerfenden Sound seines Motors. Der eine Haarföhn brummt freundlicher als der andere. Aber auch: Das Surren der Windkraftanlage, an der wir täglich vorbeifahren, macht uns aufgeschlossen für alternative Energie oder nährt unsere Vorurteile. Die Geräusche von Produkten vermitteln uns - in der Regel unbewusst - eine Botschaft, der wir uns nicht entziehen können. Die Augen kann man schließen, die Ohren nicht.

Die Wiege des Sounddesigns stand - wen wundert's - in den Illusionsfabriken von Hollywood. "Sounddesign" bezeichnete in der Filmindustrie bis in die Neunziger Jahre hinein die Gestaltung der gesamten Tonspur eines Films mit Sprache, Musik und Geräuschen. Heute klingen die Tätigkeiten der cineastischen Tonkünstler illustrer, da ein immer größeres Heer von Spezialisten zusammenwirkt - der frei gewordene Begriff "Sounddesign" dagegen steht für den innovativsten Zweig des Produktdesigns.

"Form follows emotion", die jüngste Variation des legendären Designer-Mantras "Form follows function" von Louis Henry Sullivan, könnte als Devise der Sounddesigner gelten. Denn ihre Aufgabe geht weit über die bloße Schallminimierung hinaus. Sie komponieren ein Klangbild, das dem Produkt einen individuellen akustischen Charakter verleiht - quasi eine "Stimme". Oberster Maßstab ist das subjektive Empfinden des Nutzers, Geräuschqualität ist die Übereinstimmung mit den Erwartungen des Kunden. Sounddesigner sorgen dafür, dass wir im Auto ein Blinkergeräusch hören, obwohl der elektronisch gesteuerte Blinker lautlos funktioniert, dass der Rasierapparat für den Herrn kräftig "prazzelt", während der Epilierer für die Dame nur sanft knistert, und dass wir einen Porsche an seinem unnachahmlichen Sound erkennen.

Dabei haben die Sounddesigner ihren Kollegen fürs Optische einen entscheidenden Vorteil voraus. Der Unterschied zwischen angenehmen und unangenehmen Geräuschen ist keine Frage des Geschmacks, der letztlich immer subjektiv ist, sondern eine wissenschaftlich erfassbare Größe. Die Psychoakustik hat in Experimenten herausgefunden, dass fast alle Menschen den gleichen Hörgeschmack haben, solange es nicht um Musik, sondern "nur" um Geräusche geht. Thorsten Ronnebaum und Nils Springer, Geschäftsführer der "Sounddesign Ronnebaum & Springer", waren die ersten, die vor rund zehn Jahren damit begannen, diese Erkenntnis in Produktdesign umzusetzen und für die Verkaufsförderung nutzbar zu machen.

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[print process 22/03, Zweitabdruck: Hörakustik 9/2003]

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