Journalismus PR / Werbetext Literaturübersetzung Referenzen Kontakt Home


zurück zur Übersicht

Leseecke Journalismus:

Schattendasein

Übersetzer aus aller Herren Länder pilgern zum Europäischen Übersetzer-Kollegium nach Straelen, einem Städtchen am Niederrhein. Dort wird für die "Dienstboten der Weltliteratur" der rote Teppich ausgerollt.

Es ist seltsam. Auf Partys gelten Literaturübersetzer als illustre Gäste. Sie werden im Nu wie Paradiesvögel umringt und ausgefragt: welche Sprachen, welche Schriftsteller, welche Bücher? In der Öffentlichkeit dagegen führen sie ein Schattendasein. Jeder zweite Roman, der in Deutschland erscheint, ist aus einer Fremdsprache übertragen, doch in kaum einer Rezension wird auf den Übersetzer hingewiesen - dabei gäbe es so etwas wie "die Weltliteratur" ohne die Übersetzer gar nicht. Es scheint, als käme dem Durchschnittsleser erst beim Anblick eines leibhaftigen Literaturübersetzers zu Bewusstsein, dass der amerikanische, russische oder italienische Schmöker, der ihn neulich in Begeisterung versetzt hat, durch die Hände eines Zweitautors, eben des Übersetzers, gegangen ist.

Die merkwürdige Unsichtbarkeit auf dem offiziellen Parkett ist nicht der einzige Nachteil an diesem "unmöglichen Beruf", wie ihn die Literaturübersetzer selber oft nennen. Obwohl sie fast ausnahmslos als Auftragskünstler tätig sind - wer und was übersetzt wird, bestimmen in aller Regel die Verlage - ist ihr Metier eine brotlose Kunst. Literarische Übersetzungen werden nach der Textmenge honoriert, als wäre der Übersetzer ein Spediteur, der en gros Wörter von A nach B transportiert. Die marktüblichen Honorare liegen bei rund einem Drittel dessen, was Fachübersetzer verdienen, während der Aufwand der Wortdrechsler ungleich höher ist.

Doch es gibt einen Ort, an dem den Dienstboten der Weltliteratur der rote Teppich ausgerollt wird. Am Niederrhein, kurz vor der holländischen Grenze, im Herzen des 16000-Einwohner-Städtchens Straelen - oder, wie Heinrich Böll einst bemerkte, "auf halbem Weg zwischen Lissabon und Helsinki" - residiert das Europäische Übersetzerkollegium, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Böll war nicht der einzige Literaturnobelpreisträger, der sich ins Gästebuch eingetragen hat, auch Imre Kertész war schon hier, und im März beehrte Bundespräsident Johannes Rau das Kollegium, ebenso wie schon sein Amtsvorgänger Roman Herzog. Der Name - unter Insidern kurz "EÜK" - wurde von seiner Bedeutung längst überholt. Das spröde Kürzel mit dem teutonischen Umlaut ist mittlerweile in 58 Sprachen der Welt ein Begriff; Literaturübersetzer aus ebenso vielen Ländern, von Albanien bis Zaire, weilten bereits zu Arbeitsaufenthalten hier. Und wer einmal im EÜK war, wird zum Gewährsmann für Straelens Ruf als Mekka der Branche und, nicht selten, zum regelmäßig wiederkehrenden Stammgast.

...

[print process 24/03]

Lesen Sie den vollständigen Artikel als PDF-Datei

zurück zur Übersicht
nach oben

 

Impressum